KENZINGEN. Seit zwölf Jahren gibt es den Inge-Auerbacher-Tag an der Grundschule Kenzingen, mit dem an die Reichspogromnacht und die Judenverfolgung fest erinnert wird. Zum vierten Mal war die Namensgeberin, die Zeitzeugin Inge Auerbacher, vor Ort. Am Donnerstag berichtete sie Schülern der dritten und vierten Klassen in der alten Halle von ihren Erlebnissen. (Badische Zeitung v. 16.11.2018)

Inge Auerbacher bei ihrem Besuch in Kenzingen Foto: Ilona Hüge

Die Schülerinnen und Schüler hatten sich auf den Besuch gut vorbereitet. Sie hatten Lieder und Tänze eingeübt und trugen Zitate zum Thema Frieden vor. Vor allem aber hatten sie die Geschichte aus dem Buch "Ich bin ein Stern" von Inge Auerbacher kennengelernt und empfingen die Autorin mit Beifall. Inge Auerbacher kam mit einer Botschaft, die bei ihren Besuchen überall auf der Welt stets die gleiche ist. "Schätzt jeden Menschen", sagte sie, "egal welche Hautfarbe und welche Religion er hat." Ihr Tipp: "Man muss von anderen lernen, dann fürchtet man sie nicht." Inge Auerbacher ist fast 84 Jahre alt, lebt seit 70 Jahren im New Yorker Stadtteil Queens, Wand an Wand mit Moslems, Hindus und Christen und ist mit allen gut nachbarschaftlich befreundet.

In ihrer Familie wurde auch in den USA immer Deutsch gesprochen. Das erleichtert die Verständigung und macht aus Inge Auerbacher eine Zeitzeugin, die spontan einfach mal erzählt, wie es damals war. Sie wurde in Kippenheim geboren, und war vier Jahre alt, als nach der Reichspogromnacht im Jahr 1938 ihr Großvater und ihr Vater verhaftet wurden, nur weil sie Juden waren. "Alle Fenster im Haus waren eingeschlagen", erzählt sie, "und wir mussten den Schaden bezahlen."

Inge Auerbacher kam mit sechs Jahren in die Schule: Sie musste den Judenstern tragen, und jeden Tag so gebrandmarkt allein mit dem Zug von Göppingen nach Stuttgart in die jüdische Schule fahren. Ein halbes Jahr dauerte ihr erstes Schuljahr, dann schloss die Schule. Vom siebten bis zum zehnten Lebensjahr war Inge Auerbacher mit Familienangehörigen im Lager. Ihr einziger Lichtblick: ihre Puppe. "Marlene", rufen die Kinder, die sich den Namen gemerkt haben. Heute ist "Marlene" übrigens im Holocaust-Museum in der Washington, der Hauptstadt der USA, zu Hause.

Zisch-Reporter aus Kenzingen beschäftigen sich mit der Verfolgung der Juden und der Holocaust-Überlebenden Inge Auerbacher

Seit vielen Jahren hat die Grundschule Kenzingen Kontakt  mit der Holocaust überlebenden Inge Auerbacher, welche
in Kippenheim aufgewachsen ist. Jedes Jahr, am 9. Mai,
begeht unsere Schule den Inge-Auerbachertag. Die Schüler
beschäftigen sich mit Themen wie Frieden und Toleranz
und natürlich mit Ereignissen wie der Judenverfolgung und
der Judenvernichtung im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg.

Die Viertklässler lesen das von Inge Auerbacher geschriebene
Buch „Mein Stern“. In diesem Buch schreibt Inge Auerbacher
über ihre Kindheitserlebnisse, welche überwiegend im
KZ Theresienstadt stattfanden.

Ich bin ein Stern

Sterne am Himmel, ein Stern auf der Brust. Mama, ich weiß, ich
hab’s längst gewusst, kein Zeichen der Schande ist er, mein
Stern, ich trag ihn mit Stolz, ich trage ihn gern. Ein Stern als
Lohn, der höchste Preis, so war es immer, ja, Papa, ich weiß.
Es ist mir egal, was die anderen sagen, ich will ihn für mich
und trotz allem tragen

Wenn sie über mich lachen, wenn sie mich schelten, für mich
soll der Stern etwas anderes gelten.

Sie starren mich an, sie zeigen auf mich, sie sind ohne Stern, der Stern bin ich. Sie sind von Gott, die Sterne der acht. Auch mich, auch mich

hat er gemacht. Weine nicht, Mama, hör mein Versprechen, niemand wird meine Seele zerbrechen.
Ich bin ein Stern. Inge Auerbacher

aus: Inge Auerbacher: Ich bin ein Stern. Übersetzt von Mirjam Pressler. Gulliver Verlag, Weinheim 2017. 104 Seiten, 5,95 Euro, ab 11.

 

Zisch-Reporterin Lina Bleile aus der Klasse 4c der Grundschule Kenzingen nahm dieses Gedicht zum Anlass, ihr eigenes Gedicht „Sterne“ zu schreiben:

Sterne
Sterne modern mit Glitzer und Schimmer, so sind sie heute, doch so war es nicht immer.

Man trug ihn auf der Brust,
so sah es jeder und hat’s gewusst.

Ein Zeichen der Juden war er der Stern, man trug ihn, doch man trug ihn nicht gern.

Gezeigt wurde auf einen mit Stern,
er war eine Schande, keiner mochte ihn gern.

In KZs wurden sie gebracht, das hat niemandem außer den Nazis Spaß gemacht.

So etwas soll nie wieder passieren und deswegen brauchen wir richtige Leute zum Regieren!

Lina Bleile, Klasse 4c, Grundschule Kenzingen      

  

Auch heute gibt es immer wieder Anschläge gegen Juden. Dieses Bild stammt von einer
Demonstration, bei der in Jerusalem daran erinnert wurde, wie schrecklich es war, als
die Juden vor und im Zweiten Weltkrieg verfolgt wurden und den sogenannten
Judenstern tragen mussten. FOTO: DPA

 

 

Seit vielen Jahren gestalten wir an unserer Schule den Inge-Auerbacher- Tag ( 9. Mai).

Durch unsere Kollegin Frau Roswitha Weber und ihre Mitgliedschaft im DIA ( Deutsch- Isaelischer Arbeitskreis) erhielten wir die Möglichkeit unseren Schüler/innen, authentische Begegnungen mit Zeitzeugen zu ermöglichen.

So hatten schon mehrere Klassen die Gelegenheit, Inge Auerbacher, das letzte 1934 geborene jüdische Kind in Kippenheim, eine der wenigen Überlebenden von Theresienstadt- heute in New York lebende Autorin- persönlich kennenzulernen bzw. auf Spurensuche in Kippenheim zu gehen.

Nachdem im neuen Bildungsplan dem Thema "Friedens- und Toleranzerziehung" im Fach Religion und Deutsch viel Platz eingeräumt wird, geben wir diesem Auftrag Zeit und Raum.

Im ev./kath. Religionsunterricht der 4. Klassen wird zeitgleich das Thema "Die großen Weltreligionen"( Christentum, Judentum, Islam) behandelt.

In den meisten 4. Klassen wird außerdem die Lektüre "Ich bin ein Stern" von Inge Auerbacher behandelt.

Dabei sind unsere Ziele:

  • verständliche Informationen
  • Förderung eines altersgemäßen Geschichtsverständnisses
  • Bruchstückwissen in Zusammenhänge bringen
  • Ängste aufarbeiten
  • das Gefühl für Gerechtigkeit und die menschliche Würde zu unterstützen
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